Ein großer Preis für ein kleines Haus!

Die Restaurierung des Langwedeler Häuslingshauses (Auf dem Sandberg 11) wurde am Dienstag, den 02. Dezember 2014 mit dem Preis für Denkmalpflege der Niedersächsischen Sparkassenstiftung ausgezeichnet. Im Rahmen einer Feierstunde in den Räumen der Kreissparkasse Verden wurde der Preis von Frau Korthals, Vorstandsvorsitzene der Kreissparkasse Verden und Herrn Schormann, stellvertretender Geschäftsführer der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, übergeben. Es war der höchste Preis, der für den Bezirk Lüneburg vergeben wurde und der zweithöchste Preis auf Landesebene: 9.000 Euro.

Der Langwedeler Kulturverein e.V. mit allen seinen Helfern, Unterstützern und Handwerkern ist stolz auf das Erschaffene und wird, wie schon im ersten Jahr nach der Fertigstellung, das Haus entsprechend seines Nutzungskonzepts mit kulturellem Leben für die Gemeinschafft füllen.

In einer Presseerklärung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung heißt es zu den Kriterien der Preisvergabe: "Der Preis für Denkmalpflege der Niedersächsischen Sparkassenstiftung honoriert das private Engagement, das Eigentümer für den Erhalt historischer Baudenkmale aufbringen. Die prämierten Denkmaleigentümer sind dabei beispielhaft hervorzuheben. Sie überzeugen durch außergewöhnlichen Einsatz, vorbildliche Restaurierung sowie die Entwicklung eines bemerkenswerten Nutzungskonzepts."

Speziell das Langwedeler Häuslingshaus hat den Preis erhalten, weil noch viele authentischen Lebenspuren der früheren niederbäuerlichen Gesellschaftsschicht sichbar geblieben sind: der Küchennischengrundriss, der originäre Rauchfang, die noch sichtbar gehaltene Öffnung für einen "Hinterladeofen" im Kammerfach und ganz besonders die vielfachen Farbschichten im Flett und der früheren Stube. Alles ist entwededer nur noch selten zu sehen oder überhaupt einmalig erhalten

Autor: W. Ernst, 05.12.2014, Bilder: Frau Anja Steffen
















Die Projekthistorie

Am Anfang stand die Frage, ob das Langwedeler Häuslingshaus (Auf dem Sandberg 11), ein Gebäude der früheren niederbäuerlichen Gesellschaftsschicht, erhalten werden soll und kann oder nicht. Verschiedene Faktoren waren zu bewerten: Spricht der historische Wert für einen Erhalt? Kann das Haus über den musealen Wert hinaus für kulturelle Zwecke und damit für die Bürgerschaft der Gemeinde nutzbar und nützlich sein? Wie kann eine Sanierung/Restaurierung finanziell bewältigt werden?

Zum historischen Wert haben Hausforscher der Interessengemeinschaft Bauernhaus und des Nds. Landesamtes für Denkmalpflege die Antwort gegeben:

"... Noch seltener als das bloße Vorkommen (der Hausform des "Küchennischenhauses"; Anmerkung des Autors) dürfte der Befund im Innern des Langwedeler Hauses sein, der - von Umbauten der letzten Jahrzehnte frei - den historische Zustand aus der Mitte des neunzehnten Jahrhundert (und in Einzelzügen davor) so darstellt, wie es in der Kombination von Raumgefüge, Grundriss, Raumfassungen und besonderen Einzelbefunden (Rauchfang) der Fall ist."

"... besitzt das Langwedeler Häuslingshaus innerhalb des angemessenen typologischen Vergleichsrahmens eine besondere Bedeutung und damit auch insgesamt für das Verständnis der hiesigen ländlichen Kulturgeschichte, die nicht auf ihre oberschichtlichen Segmente reduziert werden darf."

Als Ergebnis der historischen und soziokulturellen Bewertungen erhält das Langwedeler Häuslingshaus den Status eines Baudenkmals - das einzige im Flecken Langwedel!

Das Urteil über den Wert des Hauses wird ergänzt durch Ergebnisse einer restauratorischen Befunduntersuchung von Raum-Farbfassungen durch die Restauratorin Frau Christiane Maier, Hamburg. Dabei wurden vor allem farbliche Wandgestaltungen im Flettbereich des Hauses dokumentarisch gesichert, die zur Beurteilung der Wohnkultur der niederbäuerlichen Schicht erstaunliche Erkenntnisse von wissenschaftlichem Wert offenbaren und zwar vermutlich bis zurück um das Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Vielzahl von Gestaltungsschichten wurden identifiziet, die in ihrer ganzen Vielfalt konserviert wurden.

Seit Ende 2008 wurde über ein Nutzungskonzept nachgedacht und verschiedentlich in der Langwedeler Öffentlichkeit vorgestellt. Ziel ist es, im Rahmen der Aktivitäten des Langwedeler Kulturvereins e.V. generationsübergreifende Veranstaltungen anzubieten, z. B. Figurentheater und Ferienspaßaktionen für Kinder, Lebensberichte von Senioren ("Erzählcafe"), Ausstellungen mit lokalen Bezügen etc. Die Ideen zur Nutzung sind fortlaufend in einem Nutzungs- und Finanzierungskonzept dokumentiert worden und als Grundlage für die Einwerbung von Finanzmittel verwendet worden.

Zur Finanzierung des Projektes "Sanierung des Langwedeler Häuslingshauses" gehören die erforderlichen Mittel zum Erwerb des Grundstücks, das zum Gebäude gehört und die Gelder zur eigentlichen Restaurierung des Hauses. Zur Finanzierung des Grundstücks hat die Gemeinde Langwedel den Hauptteil gegeben. Den Rest konnte der Langwedeler Kulturverein e.V. aus Spenden lokal ansässiger Firmen, aus Spenden von Privatpersonen und aus den Einnahmen einer ehrenamtlich durchgeführten Hofauflösung beisteuern. Für die Restaurierung des Gebäudes liegen verbindliche Zuwendungsbescheide der Stiftung der Kreissparkasse Verden, der Nds. Bingo Stiftung, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, des Nds. Landesamtes für Denkmalpflege und der LGLN, RD Verden (EU-Mittel) vor.

Allein mit Barmitteln aus den verschiedenen Quellen könnte die Sanierung des Häuslingshauses nicht gestemmt werden. Zu einem großen Teil ist ehrenamtliche Mitarbeit gefordert. Mehrere Bürger Langwedels haben sich dazu schon bereit erklärt.

Bei den verschiedenen öffentlichen Präsentationen zur Sanierung des Häuslingshauses hat der Langwedeler Kulturverein e.V. viel Zustimmung erfahren, von Privatpersonen wie vom Langwedeler Ortrat und dem Verband der Selbständigen Langwedels. Soweit gegenteilige Meinungen überhaupt geäußert wurden, beruhten sie oft auf mangelde Information über den Wert des Hauses und seinen vorgesehenen Nutzungszweck. Leider muss auch eine gängige Geisteshaltung vermutet werden, die in der Vergangenheit zur unwiederbringlichen "Entkernung" des historischen Erbes alter Ortschaften geführt hat.

Seit dem 07. März 2012 liegt die Baugenehmigung für unser Vorhaben vor und der Langwedeler Kulturverein e. V. ist seit 04. April 2012 Eigner des Grundstücks, das zum Häuslingshaus gehört. Damit wurde der Weg frei, mit den Bauarbeiten am Häuslingshaus zu beginnen nachdem schon im vergangenen Jahr 2011 durch Abriss eines alten Fachwerkgebäudes reichlich Ergänzungsmaterialen für die Wiederherstellung des Häuslingshauses beschafft wurden. Seit am 03. Mai 2012 sind die ersten direkten Baumaßnahmen am Häuslingshaus mit ehrenamtlichen Helfern im Gange und auch die ausführende Spezialfirma für Sanierungen alter Fachwerkgebäude hat ihre Arbeiten begonnen.

Und nach eineinhalb Jahren und 6.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeiten am Haus von Vereinsmitliedern und Nicht-Vereinsmitgliedern sowie Spendern konnte das Langwedeler Häuslingshaus am 18. Oktober eingeweiht und seiner kulturellen Bestimmung übergeben werden.

Damit ist nicht alle Arbeit getan. Auch das umfangreichen Kulturprogramm des Langwedeler Kulturvereins e.V. erfordert erheblichen Einsatz. Dafür sind zusätzliche Helfer sehr willkommen.

Autor: W. Ernst, 14.08.2011; neu ab 05.12. 2014














Über Häuslinge und andere arme Leute

Armut in der ländlichen Bevölkerung konnte zu verschiedenen Zeiten viele treffen: Adelige, Bauern, nicht erbberechtigte Bauernsöhne, Brinksitzer und Anbauern ohne ausreichend "Ackernahrung" ebenso wie Häuslinge. Letztere waren "die niedrigsten Einwohner auf Dörffern (...), welche keine eigenthümlichen Grundstücke besitzen, sondern entweder zur (...) Miethe bey denen Nachbaren und Häuslern wohnen, oder nur bey ihren Anverwandten sich aufhalten".

Häuslinge traten vermehrt im 16. und 17. Jahrhundert in historischen Quellen auf. Es können zwei Arten der "niedrigsten Einwohner auf Dörffern" unterschieden werden: Saisonarbeiter und Dorfbewohner mit fester Anstellung. Erstere gingen in der Regel weit von ihren Herkunftsdörfern ihrer Arbeit nach. Letztere waren an einen Hof oder ein Gut gebunden.

Aus wirtschaftlich schwachen Bereichen des nordwestlichen Deutschlands gehörten die "Hollandgänger" zu dem Typ der Saisonarbeiter, die besonders ab dem Dreißigjährigen Krieg als Wanderarbeiter ihr dringend benötigtes Einkommen in den Niederlanden und dem angrenzenden Teil Frieslands zum Beispiel als Grasmäher oder Torfstecher erarbeiten mussten. Hollandgänger rekrutierten sich aber nicht nur aus Häuslingen. Auch Brinksitzer und Anbauern musste sich oftmals dem Zug der Hollandgänger anschließen. Wenn einem Bericht des Verdener Anzeigenblatts von 1943 zu trauen ist, nahmen noch um die Mitte des 19. Jahrhundert Langwedeler an dem Zug der Hollandgänger teil. Genannt wurden zwei ehemals Bediensteten der letzten von der Decken, die den Edelhof besaßen, sowie "eine ganze Anzahl junger Leute" aus Langwedel. Heutige Langwedeler Bürger berichten ebenfalls von Vorfahren, die Hollandgänger waren.

Fest angestellte Häuslinge wohnten üblicherweise in bescheidenen Unterkünften, die sie von ihrem Gutsherrn oder Vollbauern gegen Miete gepachtet hatten. Sie hatten ihnen als Tagelöhner Handdienste zu leisten. Sofern vorhanden konnten sie nebenbei Felder bestellen, die ihnen gegen Abgaben überlassen wurden. Ein Zubrot war auch aus einfachen handwerklichen und gewerblichen Tätigkeiten zu gewinnen. Der eine oder andere könnte sich mit einem Handwerk aus seiner misslichen wirtschaftlichen Lage etwas befreit haben. Im Allgemeinen muss man sich aber äußert ärmliche Familienverhältnisse vorstellen, die am Rande der physischen Existenz anzusiedeln sind. Eine besonders prekäre Lage wird eingetreten sein, wenn ein Haupternährer wegen Tod oder Krankheit ausfiel. Üblicherweise traf es Witwen und Waisen oder gebrechliche Elternteile besonders hart. Ihr Los war es oft, in ein "Armenhaus" gesteckt zu werden. In Dörfern wurden bescheidene Einzelhäuser als Armenhäuser bereitgestellt. Nach der Holtebüttler Chronik gab es nachweislich in Nindorf und Dalbrügge Häuser mit dieser Funktion. Beide wurden im letzten Jahrhundert abgebrochen. Berichten zufolge gab es auch in Langwedel ein Armenhaus an der heutigen Straße "Am Rathaus".

Sofern von Rechtsansprüchen für Häuslinge gesprochen werden konnte, waren sie dem Gerichtsstande der Gutsbesitzer unterstellt. Später, im Prozess der Bauernbefreiung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert, waren Häuslinge die letzten, bei denen von Befreiung die Rede sein konnte. In preußischen Landen galt zum Beispiel: "Er (der Gutsbesitzer, Anmerkung des Autors) wollte nicht Leute, die bei eigener Wirthschaft nebenher noch Dienste leistete, sondern solche, die ganz auf den Arbeitsverdienst angewiesen waren ... nur wollte man ihnen ein wenig Land wegen der Haushaltung gönnen. "Mehr Land müssen diese Leute nicht haben, sonst wollen sie vom Land und nicht von der Arbeit leben".

Die geringe Achtung der "niedrigsten Einwohner auf Dörffern", die daraus spricht, war schon früh weit verbreitet. In einer Anordnung von 1699 heißt es beispielsweise, dass "die Anzahl der Häuslinge" im Lande (Herzogtum Braunschweig und Lüneburg) sich sehr gehäufet und dieselbe von Tage zu Tage noch immer mehr zunehme Wir (Herzog Georg Wilhelm) gleichwohl Sorge tragen müssen, daß diesem Übel so viel möglich begegnet und die Hauswirthe durch die einschleichend(e) viele(n) Häuslinge und Einlieger nicht gar ausgesauget oder verderbet (werden)". Um dem sogenannten Übel abzuhelfen, wurde befohlen, von den Häuslingen und Einliegern (zusätzlich zu den "bewilligten Steuern") jährlich zwei Taler Schutz- und zwei Taler Dienstgeld einzuziehen. Außerdem wurde angeordnet, "die Häuslinge von Ihrer Lebensart abzubringen und Sie zur Annehmung wüster Höfe und Güter ... (zu bewegen)". Der Druck auf das damalige "Prekariat" seitens der Obrigkeit war also hoch. Gewisse Parallelen zur heutigen Bevölkerungsschicht in sozial misslichen Verhältnissen könnten sich fast aufdrängen!

In welcher sozialen Lage sich Häuslinge und Hollandgänger in Langwedel bis etwa zur Bauernbefreiung tatsächlich befunden haben, kann nicht im Einzelnen nachgeprüft werden. Aus einem Dokumentennachlass eines Langwedeler Bürgers ist aber neben der Stellung des ländlichen Adels eine deutliche Unterscheidung von "Bürgern" der "Minderstadt" Langwedel und Einwohnern ohne diesen Status zu entnehmen. Das wird sich auch in den wirtschaftlichen Verhältnissen widergespiegelt haben. Aus Unterlagen des Verdener Archivs kann entnommen werden, dass um 1834 Langwedel 73 Bürger, 47 Anbauern und 36 Häuslinge bewohnten. Interessanterweise zeigen Langwedeler Höfeakte aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass auffällig viele Häuslinge in Langwedel Anbauerstellen gründeten oder erwarben, so auch 1873 der Häusling Diederich Eggers, der das noch bestehende Langwedeler Häuslingshaus vom Anbauern Jacob Lührs kaufte.

Im Gegensatz zu herrschaftlichen und großbäuerlichen Zeugnissen aus der Vergangenheit sind Denkmale der unterbäuerlichen Schicht sehr selten. Das mag an der kostengünstigen Bauweise liegen. Zu einem vollständigen Geschichtsbild in einer Gemeinde gehören sie jedoch gleichermaßen dazu. Zu verhindern, dass das Langwedeler Häuslingshaus als Kontrapunkt herrschaftlicher Denkmale dem weiteren Verfall preisgegeben wird, lohnt also jede Anstrengung. Dazu eine Weisheit von Karl Valentin: "Alle Menschen sind klug, manche vorher andere nachher".

Autor: W. Ernst, 01.04.2010

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Der Südgiebel im restaurierten Zustand

Die Diele in alter Form wieder hergestellt

Eine der Farbgestaltungen im Flett (Quadermalerei)

Konservierte Vielfalt der Farbfassungen entstanden im Verlaufe der Zeit

Sichtbare Spuren eines Hinterladerofens mit Rauchloch zur Küchennische hin









Der Nordgiebel im alten Zustand

Die Restauratorin Frau Maier erklärt den besonderen Wert der Raum-Farbfassungen im Langwedeler Häuslingshaus; Bild: J.P. Wenck

Materialbeschaffung aus Holtum Marsch

Steine vor der Wiederverwendung säubern

Der Südgiebel ist für den Abbruch der Verfälschunges des Urzustandes gesichert.

Der Zimmermann misst

... und nach 5 Monaten harter Arbeit ist das der Stand im September 2012:

der Nordgiebel und die Osttraufe

der Nordgiebel und die Westtraufe mit Anbau

der Südgiebel

Noch im Dezember bekommt das Haus das große Tor

... und im Januar werden bei eisiger Kälte Hillenbalken verzimmert.

Das wird der Untergrund für den Stampflehm.

Hier wird eine Wand mit Dämmlehm in eine "verlorenen Schalung" eingebracht.

Frau Maier konserviert die Raum-Farbfassung-ein besonderes high light des Langwedeler Häuslingshauses.

Das wird die erste Lage des Stampflehms.

Hier wird die zweite Lage des Stampflehms im Feinen bearbeitet.

Die Fenster bekommen den vorgeschriebenen Anstrich.

Das wird die Fußleistenheizung.

... und das die Dielung in der Stube und den Kammern.

Hier konzentriert sich die ganze Elektrik.

Die Ortsbürgermeisterin von Langwedel begrüßt die Gäste der Einweihungsfeier des Langwedeler Häuslingshauses.

Die Einweihungsfeier wird musikalisch begleitet von Gert Alsleben und Sarina Lal.

Der Projektverantwortliche leitet in den Projektverlauf und die Motivation der Restaurierung ein.

Dr. Gläntzer hält den beeindruckenden Festvortrag über die besondere Bedeutung des Langwedeler Häuslingshauses.



Unter anderem sagten Grußworte: Prof. Dr. Hans-Hermann Prüser in Vertretung des Langwedeler Bürgermeisters, Landrat Peter Bohlmann, Frau Dr. Patolla.


Am Ende des Festakts viele anregende Gespräche

... und einige Köstlichkeiten.

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