Macht und Schmach in High Heels

Frauenfrühstück im Waldschlösschen: Jutta Seifert begeistert mit pointierten Texten

Langwedel – Schwarzes Spitzenkleid, schwarze Schuhe, schwarzes Haarband, Perlenkette und ein Koffer in der Hand. Ein Hauch 1920er-Jahre weht durch den Saal im Waldschlösschen, als Schauspielerin Jutta Seifert die kleine Bühne betritt. Sie hat nicht nur die passenden Kleider für jede Gelegenheit dabei, sondern in ihrem Programm „Nichts anzuzieh’n“ auch pointierte Texte, die das ein oder andere Rollenbild, Klischee und so manche Ungerechtigkeit beleuchten.

Rund 130 Frauen haben auf Einladung des Vereins für Kultur und Geschichte Daverden, des Langwedeler Kulturvereins sowie der Gleichstellungsbeauftragten des Flecken Langwedels, Karina Matos Appolt, an den langen gedeckten Tafeln für das Frauenfrühstück zum internationalen Frauentag Platz genommen. „Ich bin ganz geflasht, wie viele Frauen hier sind“, begrüßte Silke Fronzek, Vorsitzende des Kulturvereins. „Frauen können ja auch Brücken bauen, wir können das mit Daverden und Langwedel“, erheitert sie die Frauen, betont aber auch: „Es ist wichtig, dass ihr euch austauscht, dass diese Gelegenheit genutzt wird.“ So empfindet auch Theda Henken, Vorsitzende des Vereins für Kultur und Geschichte Daverden: „Wir müssen zusammenkommen, uns gegenseitig Mut machen, uns nicht als Konkurrentinnen betrachten, wir müssen zusammenhalten, auch generationsübergreifend. Denn er wird noch lang sein, der Weg in die Gleichstellung.“

Aus ihrem Koffer holt sie eine Zeitschrift. „Ach herrlich, die 50er Jahre“, seufzt Seifert. „Als wir Trümmerfrauen den Staub aus unseren Kleidern geklopft haben, haben wir den Petticoat angezogen.“ Sie blättert in dem Blatt, das Ratschläge wie „Roll dich schlank“ direkt neben ein Rezept für Wiener Nusskuchen platziert. 91–63–94 waren damals die maßgeblichen Schönheitsmaße. „Jeder Hüftzentimeter hat Verehrer und Anbeter“, kommentiert sie spitz und erheitert die Frauen, die sie schließlich zum Blusenkauf mitnimmt und die Qual der Farbwahl in den Mittelpunkt stellt. Über Blau, Violett und Grün wankt und röchelt der Gatte vor der Boutiquetür, statt Rot wählt sie Schwarz.

Knallrot sind schließlich die High Heels, die sie unter dem Raunen der Frauen aus ihrem Koffer holt. „Sie kommen nie aus der Mode“, kommentiert sie das Exemplar mit Absätzen gleich eines Stilettos. „In High Heels zu gehen ist leicht?“ Videos im Internet würden haufenweise Models zeigen, die in den Schuhen hinfallen, „weil sie dünn sind, hungrig, es schwer ist, wenn man einmal das Gleichgewicht verloren hat“. Doch High Heels gehörten zu Frauen wie die Krawatte zu den Männern. „Durch meine High Heels fühle ich mich mächtig, frauenkonform gekleidet.“ Doch ist es vielleicht ein Gefühl, das die Gesellschaft einfordert? Es heiße: „Nicht zu sexy, aber trage immer Pumps, damit die Kollegen und Kunden dich ernst nehmen. Müsste sich nicht das Arbeitsumfeld ändern?“, fragt sie. Auch Männer tragen hohe Schuhe, seit 500 Jahren, spielt sie auf Cowboy-Stiefel an. Die angehobene Ferse betone Oberschenkel und Waden. Die Konklusion: „High Heels sind also eine Art Push-up-BH für alles unter der Gürtellinie.“

„Wir martern unseren Knochenbau, verwandeln unsere Zehen in Krallen“, rechnet sie mit den High Heels ab und mit der Schönheitsindustrie: „Wer schön sein will, muss leiden. Ein Mantra, wenn wir uns eine weitere Stunde ins Fitnessstudio stellen, Taschentücher und Wattebälle essen, um im Geschäft zu bleiben.“ Und dann ist da noch das Altern. Erst wie Rita Hayworth oder Scarlett O’Hara sein, bis im Alter Alice Schwarzer zum Vorbild wird, doch selbst die trägt inzwischen rote Lippen, blauen Lidschatten und einen Hauch von Rouge. Wie man schön altert, dafür hat sie die Tipps des „Clubs der freien Radikalen“ mitgebracht. „Fangen Sie früh an zu altern, Mitte 20 ist ideal, dann haben Sie mehr Zeit dafür.“ Oder: „Wer nicht heiratet, bekommt keine Witwenrente, aber auch keinen Witwenbuckel“, erheitert sie die Frauen bis zum Ende bestens.

„Es ist ganz nett, eine Veranstaltung für Frauen zu haben“, sagt Heike Hartmann. „Man muss immer wieder darüber reden, gerade über Gleichberechtigung“, sagt sie mit Blick auf den Frauentag am 8. März. Und ihre Nebensitzerin Birte Hahnel ergänzt: „Das Bewusstmachen ist wichtig, zum Beispiel von Care-Arbeit, darüber wird zu wenig gesprochen.“ANNE LEIPOLD

Quelle: Montag, 02. März 2026, Verdener Aller-Zeitung / Thedinghausen/Langwedel